StartA-NationalmannschaftBarbarez vor dem USA-Spiel: "Unsere Mentalität hat uns hergebracht"

Barbarez vor dem USA-Spiel: “Unsere Mentalität hat uns hergebracht”

Bosnien-Herzegowinas Nationaltrainer Sergej Barbarez stellte sich in San Jose den Fragen der Medien – und präsentierte sich dabei bestens gelaunt. Als ihn unsere Reporter mit den Worten „Hello Coach“ begrüßten, antwortete er schmunzelnd: „Endlich darf ich mich auch einmal Coach nennen.“

Anschließend nahm sich Barbarez viel Zeit für die anwesenden Journalisten.

Bosnische Medien: Ehemalige US-Nationalspieler scheinen Bosnien und Herzegowina zu unterschätzen. Kann das Ihrer Mannschaft zusätzliche Motivation geben?

Barbarez: „Howard? Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht, wer das ist. Was soll ich über jemanden sagen, den ich nicht kenne?“

Bosnische Medien: Man sieht Sie heute sehr entspannt und gut gelaunt. Hoffentlich spiegelt sich das morgen auch auf dem Platz wider. Wo sehen Sie die größten Stärken Ihres Teams und welche Schwächen hat die USA?

Barbarez: „Ich möchte jetzt keine ausführliche Analyse machen. Die USA sind eine Mannschaft, vor der ich großen Respekt habe. Sie spielen guten Fußball und nutzen die Euphorie im eigenen Land hervorragend. Es ist schön zu sehen, welche Begeisterung hier herrscht. Morgen wollen wir uns mit ihnen messen und alles dafür tun, auf Augenhöhe zu sein.

Unsere größte Stärke ist das, was uns in den vergangenen eineinhalb Jahren ausgezeichnet hat: unsere Mentalität, der unbedingte Wille zu gewinnen, unsere Einstellung und unser Einsatz. Dass ich heute so entspannt wirke, liegt vor allem an dieser Mannschaft. Wir waren inzwischen in sieben Städten in den USA unterwegs – hoffentlich kommt noch eine achte hinzu. Mit dieser Einstellung gehen wir auch in das Spiel.“

Bosnische Medien: Der US-Teamchef hat Sie und Ihre Mannschaft zuletzt ausdrücklich gelobt und wollte die Favoritenrolle nicht annehmen.

Barbarez: „Natürlich sind die USA der Favorit. Sie spielen zu Hause, stehen in der Weltrangliste besser da und verfügen über viel Qualität. Entscheidend ist aber, was auf dem Platz passiert. Wir haben sie genau analysiert, einen klaren Matchplan vorbereitet und freuen uns auf diese Herausforderung. Wir werden morgen alles investieren und unseren Weg bei diesem Turnier fortsetzen wollen.“

Bosnische Medien: Wie sieht es personell aus?

Barbarez: „Bei einem langen Turnier ist es völlig normal, dass der eine oder andere Spieler kleinere Beschwerden hat und ein oder zwei Tage pausieren muss. Dann muss ich entscheiden, ob ich ein Risiko eingehe oder den Spielern genügend Zeit zur Regeneration gebe. Wir haben gehofft, dass wir weiterkommen und alle noch brauchen werden – und genau so ist es gekommen. Alle 26 Spieler sind einsatzbereit.“

US-Medien: Welche Botschaft werden Sie Ihrer Mannschaft vor diesem möglicherweise größten Spiel der bosnischen Fußballgeschichte mitgeben?

Barbarez: „Die eigentliche Ansprache gibt es erst morgen. Wir kennen solche Spiele bereits – gegen Kanada war die Atmosphäre ähnlich. Ich genieße es, Teil solcher Begegnungen zu sein, genau dafür lebt man als Trainer.

Ich spreche mit meinen Spielern oft über meine Erfahrungen als Fußballer, aber noch häufiger über das Leben. Es ist etwas Besonderes, auf dieser Bühne zu stehen und vielleicht Geschichte zu schreiben. Gleichzeitig sage ich ihnen: Dieses Erlebnis bleibt euch für immer. Genießt den Moment, spielt befreit auf. Wegen uns kommen 70.000 Zuschauer ins Stadion und Millionen Menschen verfolgen das Spiel im Fernsehen. Vor allem für die Menschen in Bosnien und Herzegowina lohnt es sich, bis an die Grenzen zu gehen. Ich verspreche, dass unsere Mannschaft in diesem Bereich alles geben wird.“

US-Medien: Esmir Bajraktarević hat einen besonderen Hintergrund. Was bringt er der Mannschaft und welche Bedeutung hat dieses Spiel für ihn?

Barbarez: „Er ist ein perfektes Beispiel für unseren Weg. Seit ich Trainer bin, haben wir gezielt nach Spielern gesucht, die wirklich für Bosnien und Herzegowina spielen möchten. Esmir ist ein hervorragender Junge, respektvoll, bodenständig und stolz darauf, dieses Trikot zu tragen.

Dass er in den USA aufgewachsen ist, bereichert unser Team zusätzlich. Wir haben Spieler aus vielen Ländern und unterschiedlichen Kulturen. Gerade diese Vielfalt macht uns stärker, weil wir sie zu einer Einheit geformt haben.

Man sieht Esmir jeden Tag mit einem Lächeln. Ich selbst habe fast meine gesamte Karriere in Deutschland verbracht – gegen Deutschland zu spielen war für mich immer etwas Besonderes. Am Ende bleibt es aber ein Fußballspiel. Er weiß genau, für wen er spielt und wo seine Wurzeln liegen. Solche Geschichten gibt es bei uns einige. Deshalb ist dieses Spiel nicht nur für Esmir besonders, sondern für uns alle.“

Bosnische Medien: Was möchten Sie nach dem Schlusspfiff sehen?

Barbarez: „Das Ergebnis wird sicher Einfluss auf meinen Gesichtsausdruck haben. Lustigerweise ist es bei mir oft umgekehrt: Läuft alles gut, bin ich eher ernst. Läuft es schlecht, versuche ich mit einem Lächeln Ruhe auszustrahlen und der Mannschaft Orientierung zu geben. Das Leben geht weiter – sowohl hier als auch in Bosnien. Am liebsten wäre ich nach dem Spiel aber ernst, weil ich meinen Spielern beim Feiern zuschaue.“

US-Medien: Schon die Italiener freuten sich auf ein Duell mit Ihnen, jetzt sagen manche Amerikaner sogar, sie könnten Bosnien und Herzegowina nicht einmal auf der Landkarte finden. Ärgern Sie sich über solche Aussagen?

Barbarez: „Das ist eben die heutige Zeit mit sozialen Medien. Alles wird sofort öffentlich. Mich persönlich berührt das überhaupt nicht. Wir wissen, dass wir ein kleines Land sind, und haben damit kein Problem. Solche Aussagen motivieren uns nicht. Unsere Motivation ist die Chance, bei einer Weltmeisterschaft das Achtelfinale zu erreichen. Einen größeren Anreiz braucht es doch gar nicht.“

Bosnische Medien: Zum Abschluss etwas abseits des Fußballs: Viele internationale und heimische Medien bezeichnen Sie als den bestgekleideten Trainer der Weltmeisterschaft.

Barbarez: (lacht) „Heute war ich sogar noch beim Friseur und habe meinen Bart nachschneiden lassen. Aber im Ernst: Es ist mir wichtig, mein Land würdig zu repräsentieren. Ich möchte, dass sowohl ich als auch meine Spieler einen guten Eindruck hinterlassen. Selbst wenn ich nicht mehr auf dem Platz stehen kann, möchte ich mit meinem Auftreten eine Einheit mit der Mannschaft ausstrahlen. Auch darüber mache ich mir viele Gedanken. Die Art und Weise, wie ich Bosnien und Herzegowina vertrete, bedeutet mir sehr viel.“

ÄHNLICHE ARTIKEL

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein
Captcha verification failed!
Captcha-Benutzerbewertung fehlgeschlagen. bitte kontaktieren Sie uns!

VERPASSE NICHT